Sketchnote Kitsch & Krise

Morgen ist Wissenschaftsball, und weil ich nicht nur gern tanze, sondern auch gern Vorträge höre, bin ich zum Sideevent „Vienna Lecture on Science Communication“ im sehr hübschen Festsaal der ÖAW gegangen. Und die Vorlesung von Astrid Séville war überraschend provokativ, tl;dr: wir befinden uns in einer Zeit des Kommunikationskulturkitsches.

Erstmal betonte ÖAW-Präsident Heinz Fassmann dass man es nicht Parteien oder NGOs überlassen dürfe, die Welt zu erklären, weil die anders als die Wissenschaft nicht der Objektivität verpflichtet seien. Wissenschaftskommunikation müsse deshalb professionalisiert und institutionell weitergetrieben werden.

Wissenschaftskommunikationsforscher Andreas M. Scheu merkte in seiner Einleitung an, dass man auch fragen müsse, was „gute“ Wissenschaftskommunikation eigentlich sei, und das man aufpassen müsse, nicht (mit Beiträgen auf Social Media) in einen Wettbewerb um Aufmerksamkeitsgenerierung zu geraten.

Astrid Séville stellte als Ausgangspunkt zunächst gesammelte Zeitdiagnosen vor: wachsender Populismus, Blasenbildung, die „Rückkehr“ statt des Ende der Geschichte, Krieg in Europa etc etc. Häufig gefordertes Gegenmittel ist dabei mehr scientific literacy.

Für die Wissenschaft haben sich gleichzeitig die Publikationsbedingungen geändert. Einerseits gibt es mit der Forderung nach externer Kommunikation eine Tendenz zur Aufmerksamkeitsökonomie, und in Trend-Formaten wie Science Slams und Podcasts ist personality und storytelling gefragt – aus Amtsträgern werden Amtsmenschen. Das beißt sich allerdings mit Erfolgskriterien innerhalb des Wissenschaftsbetriebs (möglichst viele papers in high impact journals), dort geht es nicht vorrangig ums breit rezipiert werden. Viele Wissenschaftler_innen suchen sich daher Substitutionsöffentlichkeiten – früher Twitter, heute Bluesky (mit idealer Pipeline via FAZ zum eigenen Suhrkamp-Band).

Der Wissenschaftskommunikation wird außerdem außerordentliche demokratiepolitische Relevanz zugeschrieben. Astrid Séville beobachtet dabei nicht nur das Phänomen der Wissenschaftsfeindlichkeit, sondern auch das der Wissenschaftsüberhöhung. Das Wissenschaftsverständnis mancher Klimaaktivisten oder technokratischer Hardliner in der Corona-Pandemie ist demnach quasi-religiös, weil es verkennt, dass Wissen immer kontextabhängig, unvollständig und sozial eingebettet ist.

Doch Wissenschaft ersetzt keine politische Auseinandersetzung. Absolutheitsansprüche clashen mit politischer Mehrheitsfindung, ganz abgesehen davon, dass sich manche Antworten einfach nicht allein auf Evidenzen stützen lassen.

In einer Sehnsucht nach Versachlichung des politischen Diskurses erscheint „mehr Aufklärung“ dann als Lösung – und Wissenschaftskommunikation wird als Allheilmittel normativ enorm überfrachtet. Als Konsequenz bleibt hyperpolitische Rhetorik ohne politische Positionierung übrig – Kommunikationskulturkitsch also.

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