Ich war zum zweiten Mal beim International Journalism Festival in Perugia (s. mein Bericht von 2024). Dessen Konzept ist unverändert: Keine Eintrittsgebühr und alle Events mitten in der Stadt, in Räumen, wo der eine schöner ist als der andere. Anstehen muss man immer noch, aber tatsächlich ist es mir jedes Mal gelungen, einen Platz im jeweiligen Saal zu finden.

Wie 2024 schon war ich mit einer kleinen Reisegruppe an befreundeten Kolleg_innen unterwegs, was eine große Freude war. Und natürlich habe ich auch wieder einige neue Leute kennengelernt, was mir in Perugia mit seinem überschaubaren Stadtkern und den vielen Aperitivo-Möglichkeiten besonders einfach vorkommt.

Ich habe bei den meisten Sessions, die ich besucht habe, Sketchnotes gemacht, hier folgen meine Zusammenfassungen dazu. Ein Klick auf den Titel führt immer zum Programmeintrag, wo ggf. auch eine Videoaufzeichnung verlinkt ist.

Google Maps per giornalisti

wenig überzeugend, leider

Kaum in der Stadt angekommen, stolperte ich gleich in den allerersten Vortrag der ganzen Veranstaltung: Gabriele Cruciata von der Google News Initiative hat erzählt, was Google Maps für Journalist_innen kann. Das Ganze war auf Italienisch und daher für mich ziemlich herausfordernd zu sketchnoten.

Tatsächlich fand ich die meisten Tipps dann aber eher „no na ned“ – Google Street View spart ggf. Erkundungsbesuche vor Ort und die Aufnahmen über mehrere Jahre hinweg geben ein Gefühl für Veränderungen, z. B. Gentrifizierung einer Straße. Bei der Lokalisierung eines Fotos können Google Lens und Google Street View helfen. Wie Google Maps dann nachher, in der Präsentation einer Recherche, noch hilft, kam leider nicht mehr vor.

Hype literacy: Reporting on AI beyond the buzz

Zu diesem Panel wollte ich unbedingt, denn mit AI-Hype habe ich im Berufsalltag täglich zu tun.

Steffen Leidel von der DW Akademie zeigte als Einstimmung einen Clip von einer Pressekonferenz im Weißen Haus, wo Zuckerberg bei offenem Mikrofon bei Trump nachfragte, ob 600 Milliarden US-Dollar eh die richtige Zahl sei auf die Frage nach geplanten KI-Investments. Ein 1A-Beispiel für „Hype Theater“, so der Moderator.

Jascha Bareis, Mitgründer der Hype-Studies-Forschungsgruppe, startete mit einer Definition des Hypes: „exaggerated claims about future value develoments that are circulating through society and demand attention“. Widersprüchlichkeiten, Risiken und Profiteure werden dabei systematisch unter den Teppich gekehrt. Journalist_innen riet er, nicht die großen KI-Narrative zu verstärken, sondern wenn dann „Warum“ zu fragen – also was bewirkt die entsprechende Story, wem nützt sie? Als konkreten Leitfaden hat er gemeinsam mit Andreu Belsunces Gonçalves und Johannes Klingebiel (der btw bei den Tutzinger Radiotagen 2024 einen KI-hype-kritischen Vortrag gehalten hat, den ich in Sketchnotes festgehalten habe) das „Hype Literacy“-Toolkit für Medienprofis entwickelt.

Christo Buschek vom DER SPIEGEL warnte, dass sämtliche Differenzierung verloren gegangen sei, weil wir einfach alles „KI“ nennen, obwohl dahinter ein ganzes System aus Menschen und technischen Artefakten steht. Zu letzteren gehören auch die Benchmarks, die er sich in einer Recherche im Detail angeschaut hat – mit dem Ergebnis, dass es fast keine Vergleichbarkeit gibt, das Framing inkonsistent ist, und „Wissen“ meist mit Mathe oder Physik gleichgesetzt wird. 2022 sei mit ChatGPT nicht nur eine tech demo, sondern vor allem ein Narrativ in die Welt gesetzt werden.

Karen Allen hat die Berichterstattung ber KI in Kenia und Südafrika untersucht. Demnach findet sie in Silos statt, und vor allem bekommt sie nicht viel Platz, weil alltägliche „Brot-und-Butter“-Themen mehr Platz bekommen. Dabei spielen Machtverhältnisse, Datenkolonialismus und Content-Moderations-Tätigkeiten in diesen beiden Ländern eine große Rolle.

The New Censorship: now what?

In diesen Talk bin ich eher unvermittelt geraten, es handelte sich um eine Vorstellung des neuen Buchs der israelischen Medienwissenschaftlerin und Ex-Journalistin Ayala Panievsky, moderiert von Alan Rusbridger. Sie hat nachgezeichnet, wie zur klassischen Zensur (unliebsame Stimmen einsperren oder gar umbringen) auch neue Arten gekommen sind: Gerichtsprozesse, verweigerter Zugang zu Quellen, und digitale Belästigung etwa.

In den vergangenen Jahren hätten sich so zwei Medien-Universen getrennt: Die klassischen Mainstream-Medien und die „anti-media media“, wie Panievsky sie nennt. Es gehe dabei keinesfalls um eine Trennung zwischen links und rechts, sondern um die Einhaltung journalistischer Standards. Die anti-media media betreiben eine absichtliche Verschmutzung der Informations-Umwelt, durch die die anderen schwieriger sichtbar werden. Außerdem suchen sie sich immer einen Sündenbock, der sich je nach Gesellschaft unterscheidet. Während in Israel die Palästinenser_innen beschuldigt würden, sind es in der EU Migrant_innen und in Südkorea Frauen.

Ein weiteres Missverständnis sei, dass es bei der Pressefreiheit um Journalist_innen und ihre Freiheiten geht. Tatsächlich seien das „Recht zu Wissen“ und glaubhafte Informationen zentral.

Wikipedia under siege: how to future-proof the internet’s last best place

„Wikipedia under siege. How to future-proof the internet’s last best place“ wirkte auf mich wie eine Veranstaltung, mit der die Wikimedia Foundation vor allem ihre Wünsche und Sorgen bei Regulierungsbehörden und ähnlichen anbringen wollte – ich war definitiv nicht die Zielgruppe.

Wikimedia-CCO Anusha Alikhan betonte, dass KI-Firmen Wikipedia brauchen. Wikipedia brauche allerdings auch Editors, weshalb man nun eine Influencerkampagne gestartet habe (tbh find ich das äußerst seltsam). Derzeit gibt es etwa 250.000 Editors, was mir für die über 65 Millionen Artikel insgesamt gar nicht so viel erscheint.

Raju Narisetti von McKinsey Publishing & Marketing, der auch im Board der Wikimedia Foundation sitzt, forderte, das Commons, das Wikipedia ist, verantwortungsvoll zu nutzen. Das heißt auch, das z.B. KI-Firmen nicht einfach so die Daten der Enzyklopädie abgreifen sollen, sondern eine Enterprise-Lizenz dafür kaufen – wie das YouTube schon für Fact-Checking-Zwecke getan hat.

Nach der Session hat mich eine belgische Journalismus-Studentin angesprochen, ob ich ihr nicht eine Frage für ein Uni-Projekt beantworten könnte, nämlich ob ich im journalistischen Alltag lieber mit Wikipedia oder einem KI-Chatbot recherchiere. Für mich steht außer Frage, dass Wikipedia – und die darin verlinkten Quellen – für einen Überblick zu irgendetwas mein erste Anlaufstelle ist. „Einfach ChatGPT fragen“ spießt sich völlig mit meinem Verständnis dieses Berufs.

Syria’s New Media Landscape: taking stock one year on

„Syria‘s new media landscape“ war eines der für mich wertvollsten Panels, die ich in den vier Tagen besucht habe. Moderiert von Jenifer Vaughan von der UN haben drei syrische Medienschaffende von ihrer Arbeit vor und nach Fall des Assad-Regimes erzählt.

Hadi Al Khatib hat das „Syrian Archive“ gegründet, das Menschenrechtsverletzungen aller Parteien dokumentiert. Das soll dabei helfen, Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen und Vertauen innerhalb der Gesellschaft wiederherzustellen.

Arwa Jabiri Damon war CNN-Korrespondentin und ist nun Präsidentin der NGO Internaional Network for Aid, Relief and Assistance. Sie betont, dass lokale Journalist_innen, die in den vergangenen Jahren unter Lebensgefahr aus Syrien heraus berichtet haben, weiter gewürdigt, engagiert und v.a. upskilled werden müssen. Sie dürften nicht von den internationalen Journalist_innen „verdrängt“ werden, die nun wieder die Möglichkeit haben, selbst vor Ort zu berichten.

Kholoud Helmi hat 2011 das Medium Enab Baladi gegründet, 2013 musste sie mitsamt ihrer Organisation in die Türkei fliehen, später dann in die EU. Bereits 20 Tage nach Assad‘s Sturz kehrte Enab Baladi zurück nach Syrien und konnte sich erneut etablieren. Auch jetzt müsse man noch Zensur navigieren und sehr unterschiedliche Zielgruppen bedienen: Exilsyrer, die unabhängige Informationen zur Lage in der Heimat suchen, und die Bevölkerung, der es nach wie vor an sehr vielem mangelt. So komme es, dass Berichterstattung über Straßenbau und Lebensmittelbeschaffung viel mehr Aufmerksamkeit bekomme als Politik oder das neue Parlament.

AI-assisted gender-based violence: The chilling escalation of online abuse against women in the public sphere

„AI-assisted gender-based violence“ wird vor allem für Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, zur immer größeren Bedrohung. Das gleichnamige Panel zeichnete das Phänomen im Detail nach:

Julie Posetti hat in einer Studie für UN Women Frauen aus 119 Ländern zu ihren Erfahrungen mit Online-Gewalt befragt – 70 Prozent hatten schon damit zu tun. Sie betont, dass online und offline so eng zusammenhängen, dass man Online-Gewalt jedenfalls als „echte Gewalt“ fassen muss.

Maria Ressa wurde ab 2016 online übelst beschimpft. Die Plattformen ließen diese Äußerungen und Memes aber online. Mittlerweile seien Deepfakes von ihr dazu gekommen, in denen sie vermeintlich zu Krypto-Investitionen und zu schwurblerischen Diabetes-Kuren rät. 2026 sei das Jahr, in dem man auf neue Gesetzgebung dazu drängen müsste – die jüngsten Prozesse gegen Social-Media-Plattformen in Kalifornien und Texas seien ein guter Anstoß.

Kaylee Williams erforscht in ihrer Dissertation sogenannte nudification apps, die teilweise auf Basis eines einzigen „echten“ Fotos hyperrealistische nonkonsensuelle intime Bilder schaffen. Deren UX erinnere an Videospiele, mit Grok auf X wurde das Konzept Mainstream und sehr viel leichter zugänglich. Zum Thema „revenge porn“, das sie als „folk tale“ bezeichnete, hatte ihre Feldforschung ergeben, dass die meisten Nutzer solcher Apps überhaupt gar nicht drüber nachdenken, welchen Schaden sie Betroffenen zufügen. Diese mangelnde Absicht hat auch Konsequenzen für die Strafverfolgung.

Kalliopi Mingeirou ist bei der UN für die Beendigung der Gewalt gegen Frauen zuständig. Sie stellte fest, dass der rechtliche Schutz gegen digitale Gewalt in vielen Ländern sehr schwach ist und dass es in den vergangenen Jahren einen starken Backlash gegen Geschlechtergerechtigkeit gab.

Die Lösungsvorschläge für all das klingen leider erstmal nicht so, als könnten sie sofort greifen: Mehr Aufklärung (z. B. damit Männer in abseitigen Online-Communites einsehen, dass das Erstellen nonkonsensueller Nacktbilder Gewalt ist), mehr Druck auf die Gesetzgebung und ein persönliches Supportnetzwerk, das physische safe spaces schafft.

What journalists need to know about nuclear weapons

In „What journalists need to know about nuclear weapons“ stolperte ich zufällig und leider zu spät, deshalb habe ich wohl einiges verpasst. Das was Matt Korda über seine Untersuchungen zu Atomwaffen verschiedener Nationen erzählte, fand ich dann aber außerordentlich interessant. Demnach ist Israel der einzige Staat, der nie offiziell gemacht hat, Atomwaffen zu besitzen. Nordkorea, Pakistan, Indien, China und Russland zeigen ihre Arsenale immerhin bei Militärparaden. Und in den USA, UK und Frankreich gibt es parlamentarischen Diskurs dazu.

Der Forscher beobachtet allerdings eine Reduktion in der Transparenz zu Atomwaffen, er ist zunehmend angewiesen auf OSINT. Gleichzeitig gibt es sichtbareres „nuclear signaling“, die USA flogen etwa einen atomwaffenfähigen Jet sehr nah bei russischem Territorium.

Die Abschreckungs-Beziehungen würden dabei zunehmend komplex. Statt simplem Ost-West wie im kalten Krieg gibt es jetzt mehrere potentielle Gegner und neue Allianzen. Und nukleare Krisen werden weniger stabil, weil einzelne autokratische Entscheider an der Macht sind. Angesichts dessen sprach sich Beatrice Fihn für nukleare Abrüstung aus, dieses Projekt sei nicht hoffnungslos.

An autopsy for AI: lessons for journalism from the platform era

„An autopsy for AI: lessons for journalism from the platform era“ war eines der hitzigsten Panels, die ich auf dem International Journalism Festival besucht habe. Courtney Radsch konfrontierte ihre Panelisten – allesamt Ex-Executives bei Big-Tech-Firmen – mit harschen Thesen, etwa: Haben diese Firmen ohne Journalismus überhaupt kein Produkt?

Colin Crowell, vormals VP Global Public Policy bei Twitter, betonte, dass es durchaus eine symbiotische Beziehung zwischen Journalist_innen und Twitter gegeben habe. Seit Verifkation als solche nicht mehr existiert, sei aber viel Vertrauen verloren gegangen.

Nick Wrenn, früher mal zuständig für news partnerships bei Facebook, schien beim Einsatz von KI-Tools in Medien pragmatisch – wenn sie Geld sparen und die Arbeit verbessern könnten, warum nicht? Allerdings erwartet er dennoch einen Backlash, sollten irgendwann einfach alle Inhalte künstlich generiert sein.

Madhav Chinnappa, ehemals bei Google, hatte das pessimistischste Learning für die KI-Ära: als Medienorganisation nicht gegen völlig übermächtige Tech-Riesen kämpfen, sondern sich kollektiv für die am wenigsten schlechte Option entscheiden. Es sei Fakt, dass es ab sofort zwei Arten von Publikum gebe: Menschen (wie eh und je) und Bots.

Uncovering Big Tech’s sphere of influence

„Uncovering Big Tech‘s Sphere of Influence“, das war das Ziel dieses Freitagnachmittag-Panels, moderiert von Carole Cadwalladr, die 2018 den Cambridge-Analytica-Skandal mit-aufdeckte.

Margarida Silva vom Think Tank SOMO hat von ihrer Forschung zu coroporate Lobbying in der EU erzählt. Das beeinflusst von Arbeitsrechten zu Umweltregularien alle möglichen Themen, mit denen alle Bürger_innen in Kontakt kommen. Eine der besonders perfiden Strategien von Big Tech sei es dabei, falsche Graswurzelbewegungen auf die Beine zu stellen, um Gesetzgebung zu lenken. Und während die Situation in der EU schon schlimm sei, hätten Staaten in Afrika, z.B. Nigeria oder Kenia kaum eine Chance gegen die Tech-Imperien.

Bram Vranken vom Corporate Europe Observatory beobachtet ebenfalls Lobbying in der EU. Und demnach gibt es pro Arbeitstag drei Meetings zwischen Vertreter_innen des Parlaments oder der Kommission mit Tech-Leuten. Die Branche lässt sich dies rund 150 Millionen Euro im Jahr kosten. Er bedauert, dass wir heute immer noch die „gestrigen“ Kämpfe – etwa zu Googles AdTech-Business – ausfechten und so hinterherhinken. Die Liaison der Trumpregierung mit Big Tech bringe längst neue Schwierigkeiten. Doch wie sich am Beispiel der Tabakindustrie zeigt, könne man Lobbying tatsächlich in den Griff bekommen.

Natalia Viana berichtete von der Situation in Brasilien. Ein Gesetz, das dort Plattformen zur Verantwortung ziehen sollte, habe dort zu ausufernden Schmutzkampagnen seitens Big Tech geführt. Uber oder YouTube haben dabei Angst verbreitet, das Fahrer_innen bzw. Creators weniger Geld verdienen würden. Gleichzeitig bekamen Politiker_innen bei persönlichen Problemen mit Plattformen eine Art „VIP-Service“.

Impunity, international justice and the journalist’s dilemma: Philippe Sands in conversation with Reed Brody

Zu diesem Gespräch zwischen dem Menschenrechtler und Rechts-Professor hat mich einer meiner Reisebegleiter überredet, ich hatte nämlich noch nie von diesen beiden offenbar sehr berühmten Speakern gehört und so allgemein auch kein besonderes Interesse für die Details historischer Gerichtsprozesse. Wie beim Atomwaffenvortrag schon nahm ich dann aber enorm viel aus der Session mit.

Reed Brody erzählte etwa, wie er dazu kam, den chilenischen Ex-Diktator Augusto Pinochet in England zur Anklage zu bringen. Die beiden wiesen die Annahme zurück, dass das internationale Recht in einer Krise sei – es habe sich über Generationen und Jahrhunderte entwickelt und würde von ein paar wenigen gierigen Staatschefs (Trump) so schnell nicht ausgehebelt.

Ich hatte bis zu diesem Bühnengespräch noch nie darüber nachgedacht, dass auch der Straftatbestand der „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ irgendwann einmal „erfunden“ und rechtlich verankert sein musste. Wie Philippe Sands nachzeichnete, geht das Konzept zurück auf Raphael Lemkin und Hersch Lauterpacht, zwei jüdische Rechtswissenschaftler an der Uni in Lwiw (heute Ukraine, zwischen den Kriegen unter dem Namen Lwów polnisch, davor mit dem Namen Lemberg Teil der Habsburgermonarchie). Was ich auch nicht wusste: ein Staat wurde noch nie dafür verurteilt, immer nur Einzelpersonen, die durch den Straftatbestand greifbar für das internationale Recht wurden.

Philippe Sands hat 2011 ein paper über Lviv und seinen Platz in der internationalen Rechtsgeschichte geschrieben, vielleicht werde ich es mal querlesen. Der Historiker Stefan Troebst hat für das IWM einen ausführlichen Artikel über die Biografien der beiden geschrieben.

Authoritarian convergence: how Russia, Iran and China reshape information ecosystems

Bei „Authoritarian convergence: how Russia, Iran and China reshape information ecoystems“, moderiert von Filip Noubel, erzählten Medienschaffende aus diesen Ländern von den Schwierigkeiten bei ihrer Arbeit.

Marketa Hulpachova versucht mit „Tehran Bureau“ mithilfe von Untergrund-Korrespondent_innen ein Fenster in den Iran zu schaffen. Das klappt für sie trotz Kommunikations-Shutdown, aber es brauche ein großes Team und ausreichend Zeit.

Alesia Marokhovskaia ist Chefredakteurin des russischen Exil-Mediums IStories, in ihrem Heimatland ist ihre Arbeit illegal. Sie betonte, dass Quellen häufig in Situationen seien, in denen sie vermeintlich nichts zu verlieren hätten, aber sie müsse dennoch sicher gehen, dass nie ein Leben für eine Story riskiert wird.

Vivian Wu hat in New York „Dasheng“ („mächtige Stimmen“) gegründet. Mit ausführlichen, unzensierten Interviews mit anderen Exil-Chines_innen will sie eine komplexe Antwort auf die offiziellen staatlichen Narrative schaffen.

Und Thibaut Bruttin von Reporter ohne Grenzen beobachtet parallel dazu eine drastische Abnahme der Pressefreiheit und zunehmenden Propaganda-Export. Gerade deshalb sei es wichtig, Exil-Medien zu unterstützen.

Freedom’s lifeline or lawless frontier? Understanding Telegram’s role in global media

Ist Telegram „Freedom‘s lifeline or lawless frontier“? Das wurde Samstagnachmittag in einem der wunderschönen Säle in Perugia diskutiert und war enorm aufschlussreich für mich.

Alex Vorobev zeichnete die recht einzigartige Position der App zwischen personal messaging und public broadcasting nach. Sie wurde von Anfang an als Oppositionsprojekt positioniert, doch als solches kann man sie kaum mehr verstehen.

Denn wie Roman Anin‘s Recherchen für IStories Media deutlich machen, ist die App mit dem russischen Geheimdienst verbandelt. Gründer Pavel Durov war seit seinem Exil demnach auch mehr als 50 Mal in Moskau und tatsächlich Ende-zu-Ende-verschlüsselt sind die Chats auch nicht. Ganz im Gegenteil: Die Architektur der Plattform ermöglicht globale Überwachung.

Da stellt sich für Maral Jekta die Frage, wie man Oppositionsmedien, die z.B. im Iran über Telegram publizieren, verantwortungsvoll unterstützen kann.

Wie Rashid Gabdulhakov, der an der Uni Groningen zu Telegram forscht, zeigt, ist die App in einigen Ländern – darunter Iran, Belarus, Ukraine und Russland – defacto mainstream als Ausspielweg. Doch in Russland gibt es seit der Invasion der Ukraine auch Einshränkungen für Telegram – dort wird mittlerweile die staatsnahe Plattform „max“ gepusht.

Netanyahu’s domestic war on the Israeli media

Noa Landau, stv. Chefredakteurin von Haaretz, hat beim International Journalism Festival von Netanjahu‘s Krieg gegen die israelischen Medien berichtet – in einem Saal, der zunächst einmal von einem Bombenspürhund ausgeschnüffelt worden war.

Der Premierminister sei besessen von der Berichterstattung über ihn selbst. Während er daher früher noch versuchte, Journalismus zu beeinflussen, verlässt er sich mittlerweile auf direkte Kommunikation mit seinen Anhänger_innen und loyale rechte Medien wie Channel 14 und die Gratiszeitung Israel HaYom, so Landau. Unabhängige Medien und ihre Mitarbeiter_innen seien gleichzeitig Einschüchterungskampagnen ausgesetzt, bekommen nur schwer Zugang und keine Regierungsinserate mehr.

Die Zensur israelischer Medien sei dreiteilig: Erstens gibt es die offizielle Militärzensur (zu der Landau meinte, dass man bei Haaretz auch gelegentlich lauthals mit ihr streite). Zweitens die Selbstzensur und drittens eine diskursive Angleichung an den Mainstream. Dass junge Wähler_innen politisch mehr nach rechts zeigten, habe mit dem Militärdienst zu tun, der auch indoktrinierend wirke, meint Landau.

Bei Haaretz – das sich vorrangig durch Abos trägt – baue man die Berichterstattung dennoch aus. Mittlerweile übersetze man auch auf Arabisch.

Gomorra, 20 anni dopo

wie schön diese Location – eine ehem. Kathedrale – ist, kommt auf diesem Foto nicht herüber

Zum Abschluss des 20. IJF am Samstagabend interviewte Gründerin Arianna Ciccone den Autor Roberto Saviano, der mit seinem Buch Gomorra 2006 weltberühmt geworden war. Der Journalist machte damals die Verbrechen der Camorra in Neapel und anderswo öffentlich und lebt seither unter strengen Sicherheitsvorherkehrungen – abseits der Bühne zählten wir vier Personenschützer um ihn herum.

Ich fand es sehr herausfordernd, dem Gespräch zu folgen, denn wie ich feststellen musste, hatte ich mit der südlichen Färbung von Savianos Sprache ziemliche Schwierigkeiten. Dass ich die meisten Politiker und innenpolitischen Geschehnisse, die angesprochen wurden, nicht kannte, machte das Ganze nicht einfacher. Gomorrha habe ich allerdings auf Deutsch im Regal stehen, ich werde mal wieder einen Blick hinein werfen.

tl;dr: Das ijf in Perugia war erneut eine super Veranstaltung, ich will gerne wieder hin!

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